Austausch

Dresden – Frankfurt, das waren mal 5 Stunden Fahrtzeit mit dem Zug. Dank des neuen ICE-Stücks zwischen Leipzig und Erfurt sind es nur noch 4. Ich sitze im Zug zurück nach Frankfurt. Ich war sowieso schon in Leipzig zur Buchmesse, da lohnt sich der kurze Abstecher für einen Besuch bei Papa. Nicht nur weil dort eine wohltuende Badewanne nach den Messetagen mit schmerzenden Füßen auf mich wartet.

Buchmesse, das sind immer viele Gespräche, Eindrücke und neue Kontakte. Es geht um Austausch: Welches Buch wird der nächste Bestseller? Wird der E-Book-Anteil weiter zu nehmen? Welche Programmpositionierung ist die richtige? Klare Antworten darauf hat niemand, aber darüber sprechen und Erfahrungen auszutauschen hilft.

Als ich nach Dresden komme, berichten mein Vater und sein Freund mir vom ersten Treffen der Schwulen-Vätergruppe, die sie hier in Dresden neu gegründet haben. Es ist eine Gruppe Väter und Ehemänner, die auf ganz unterschiedliche Weise ihr persönliches Coming out erlebt haben oder sich noch mitten in diesem Prozess befinden. Sie treffen sich jeden zweiten Donnerstag im Monat, um zu sprechen und zuzuhören. Wie auf der Messe geht es auch dort um Austausch: Wann ist der richtige Zeitpunkt für das Coming-Out? Wie sag ich es meinen Kindern? Welche Umgangsform ist die richtige? Klare Antworten hat auch dort niemand, aber darüber sprechen und Erfahrungen auszutauschen hilft.

Also ihr lieben Dresdner, scheut euch nicht und schaut auf https://schwulevaeterdresden.wordpress.com/ vorbei, oder noch besser: Kommt zum nächsten Treffen am 14. April im Gerede e.V., Prießnitzstraße 18, 01099 Dresden.

 

Das Bauchgefühl

Für 2015 hatte ich mir keine «Gute-Vorsätze-Liste» geschrieben, sondern mir vorgenommen, mehr auf meinen Bauch zu hören.

Nun ist das oft nicht leicht überhaupt herauszufinden, was der Bauch einem sagen will. Wir sind darauf trainiert Entscheidungen mit dem Kopf zu treffen:

Soll ich das neue Projekt auf der Arbeit annehmen? (Ja, das liest sich gut in deinem Lebenslauf)
Soll ich wieder umziehen? (Nein, das kostet doch nur)
Soll ich Freitagabend einfach mal daheim bleiben (Nein, deine Freunde erwarten, dass du mitkommst)

Als es dieses Jahr um die Entscheidung ging, wohin ich in Urlaub fahren möchte, musste ich erst einmal die Entscheidung treffen: Mit wem? Und da, ganz plötzlich, schaltete sich mein Bauch ein und sagte: Mach einfach etwas ganz für dich alleine. Und so hab ich meine Sachen gepackt und bin alleine nach Korfu. Erst ein paar Tage in die Hauptstadt, dann zum Yoga an den Strand. Es war intensiv, erholsam und ich habe Dinge erlebt, die man nur erleben kann, wenn man allein unterwegs ist. In diesem Urlaub war allerdings das Smartphone mein ständiger Begleiter. Nicht um Mails oder Facebook zu checken, sondern um mir Notizen zu schreiben. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und ich musste sie aufschreiben, um sie ordnen zu können.

Erst viel später wurde mir bewusst, dass es gar nicht so sehr mein Kopf war, der sich da zu Wort gemeldet hat, sondern viel mehr mein Bauch. Ich muss schreiben, um herauszufinden, was er mir sagen will. Wenn die Gedanken oder Ideen nur so dahin streifen, lasse ich sie wieder gehen, ohne tiefer in ihnen zu graben. Wenn ich etwas aufschreibe, rückt es in mein Bewusstsein und mir wird oft erst dann klar, was ich wirklich denke und fühle. Vom Bauch über den Stift aufs Papier in den Kopf.

Auch schon vor 10 Jahren, habe ich alles zur Trennung meiner Eltern aufgeschrieben. Besonders der Tag an dem ich von der Trennung erfuhr, ist auf sieben Din A4-Seiten mit Füller detailliert beschrieben. Und auch heute noch schreibe ich Briefe an Menschen mit denen ich «Redebedarf» habe.

Vielleicht ist auch das ein Grund, wieso ich hier diesen Blog schreibe. Als persönliche Therapie sozusagen. Mit einem Unterschied: Die Notizen aus Korfu hat nie jemand gelesen und auch die Briefe schicke ich nie ab. Sie sind nur für mich gedacht. Das verhält sich mit diesem Blog anders. Er ist für jeden lesbar und durch die Rückmeldungen für mich so wertvoll geworden. Danke dafür!

Und was sagen die Kinder dazu? 10 Jahre später!

Im letzten Blogeintrag schrieb ich über den 10-jährigen „Jahrestag“ der Trennung meiner Eltern und über meine Erinnerung daran. Ebenfalls zehn Jahre sind vergangen, als Stephanie Gerlach und Uli Streib-Brzic Kinder lesbischer Mütter und schwuler Väter interviewt haben. Gebündelt und gedruckt im Quer-Verlag war es das erste Buch zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum.
Es stand dann einfach irgendwann bei meinem Vater im Buchregal und ich habe angefangen darin zu lesen. Es hat mir verdeutlicht, dass ich nicht die einzige Jugendliche mit einem schwulen Papa bin und gab mir in dieser Zeit Halt.

Nach zahlreichen Rückmeldungen und Fragen von Lesern, wie die Lebensgeschichten der Kinder weitergegangen seien, suchten die beiden Autorinnen die Kinder von damals noch einmal auf und interviewten sie nach zehn Jahren wieder: Wie leben sie jetzt? Was hat sich in zehn Jahren geändert? Was sehen sie heute vielleicht anders als damals?

Berührt und zum Nachdenken gebracht haben mich besonders zwei Aussagen im Buch über die Liebe: Maja, deren Mutter lesbisch ist, sagt: „Schließlich verliebt man sich ja nicht in ein bestimmtes Geschlecht, sondern in den Menschen“. Und Ajin sagt über ihre Mutter und deren Freundin: „Die Liebe und Herzensverbundenheit zwischen den beiden zu erleben, sind Dinge, die mich tief geprägt haben. Von ihrer Beziehung habe ich gelernt, was Liebe zwischen zwei Menschen sein kann.“

Aber bevor ich die Interviews gelesen habe, blätterte ich erstmal bis fast zum Endes des Buches: Dort ist nämlich ein Gespräch zwischen den beiden Töchtern der Autorinnen abgedruckt. Interviewt wurden die beiden 34- und 12-Jährigen von meinem Papa und ich weiß noch, wie viel Vor- und Nacharbeit er in dieses Projekt vergangenen Sommer gesteckt hat. Zurecht, das Endergebnis liest sich nämlich sehr gut!

Daher kann ich den Nachfolgeband, ebenfalls im Quer-Verlag erschienen, nur empfehlen – obwohl die zwei Vorwörter, der wissenschaftlichen Diskurs und das Nachwort einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin das ganze Buch doch etwas aufblähen. Aber man sollte es sowieso nicht in einem Rutsch wie einen Roman, sondern stückchenweise lesen.

10 Jahre und die Erinnerung

„Die Erinnerung ist eine merkwürdige Sache. Sie aktiviert, erinnert, färbt, vergrößert und verkleinert Geschehnisse und Erlebnisse. Sie bringt Sachverhalte und Phantasien, Irrtümer und Missverständnisse zurück. Sie bewahrt Träume und Hoffnung und Peinlichkeiten und Demütigungen. Sie ist wie eine große Kammer, ein Aufbewahrungsort für benutzte und noch zu benutzende Gedanken und ebensolches Wissen. Sie ist Ansammlung von allem, was wir sind, und von ein wenig dessen, was wir zu sein hoffen.“

(aus: New York von Lily Brett)

Manchmal habe ich das Gefühl, die Erinnerung an die Trennung meiner Eltern verwischt, je öfter ich sie erzähle. In meinen Erzählungen wird die Geschichte immer gleicher, weil ich versuche mich auf die Kernsachen zu konzentrieren, vielleicht nicht zu viel Emotion reinzupacken, die mich wieder aufwühlen könnte. Eine Journalistin der Frankfurter Rundschau hat sogar geschrieben, ich würde meine Geschichte fast schon routiniert runtererzählen.

„… warum sind Angst und Furcht so leicht zu erinnern? Und ist Glück so schwer zu erinnern?“

fragt Lily Brett weiter.

Im Sommer sind nun zehn Jahre vergangen seit diesem angeblich perfekten Tag im Schwimmbad an dessen Abend mir meine Eltern sagten, dass sie sich trennen werden. Aber war er denn wirklich so schön? Wie lief das Gespräch genau ab? Hab ich mich wirklich wieder so schnell gefangen und zusammen gerauft, wie ich es immer erzähle?
Zehn Jahre sind eine lange Zeit, die auf der einen Seite quälend langsam und auf der anderen Seite rasend schnell vergangen ist. Die Details verschwimmen und vielleicht nehme ich manche Dinge heute so wahr, weil jemand erzählt hat, dass sie so waren. Oder aber weil ich gelernt habe, die Trennung, die Homosexualität meines Vaters und den Schmerz meiner Mutter zu begreifen. Damit rücken Schmerz, Trauer, Wut und all die traurigen Gefühle in den Hintergrund und ergeben doch irgendwie Sinn.

„Ich weiß, dass das Begreifen die Erinnerung verändert. Es verleiht ihr neue Schattierungen und Bedeutungen.“

(aus: New York von Lily Brett)

Gastbeitrag für Onlinemagazin back view

Das Onlinemagazin back view widmet sich in diesem Monat dem Thema Homosexualität. Es werden Geschichten von den Hürden eines Outings, der Regenbogenszene in Österreich und den Folgen des Coming-Outs von Thomas Hitzlsperger erzählt.

Und auch ich habe einen kleinen Gastbeitrag über die positiven Dinge des Outings meines Papas geschrieben.

Viel Spaß beim Lesen und danke an Konrad Welzel für die Anfrage!

Das Gezanke um die Gleichstellung

Ich finde es traurig und schade, dass erst durch die Entscheidung Irlands für die Gleichstellung der Ehe von Lesben und Schwulen wieder in Deutschland über dieses Thema diskutiert wird.
Oder überhaupt diskutiert werden muss.

Ich will mich nicht durch Gesetzesentwürfe und Paragraphen wühlen, um herauszufinden, in welchen Punkten genau die „Eingetragene Partnerschaft“ der Ehe zwischen Mann und Frau nicht gleichgestellt ist. Und welche Punkte Heiko Maas nun ändern will.
Da bringt es die Kolumne von Carolin Emcke sehr gut auf den Punkt: Die Gleichstellung sei keine Reform, über die diskutiert werden muss. Es stehe nicht zur Debatte ob die Gleichstellung richtig oder falsch ist oder ob es Mehrheiten dafür gibt oder nicht. Sie sei rechtlich und normativ richtig, sondern „nur“ eine Korrektur eines alten Fehlers im Gesetz.

Papa und sein Freund sind nach der langen Fernbeziehung und Umzügen ein Stück weit „angekommen“ und nun seit fast 10 Jahren glücklich zusammen. Ich wünsche ihnen, dass diese Korrektur schnellstmöglich umgesetzt wird und sie dann die Möglichkeit haben, sich das Versprechen zueinander mit all den Rechten und Pflichten der Ehe geben zu können. Denn unterm Strich geht es doch nur um eines: ♥

Zur Unterschriftenaktion von campact

Religion und das Gefühl des Ankommens

Früher waren wir oft in der Kirche. Es war eine nette kleine Pfarrei, in der wir als Familie bekannt und engagiert waren. Mein Papa war damals zudem bei der katholischen Kirche angestellt, er war dort Referent in der Jugendarbeit. Ich selbst war einige Zeit Messdiener und oft bei seinen Veranstaltungen mit dabei. Ich habe die engagierten jungen Leute und Kollegen um meinen Papa immer bewundert. Sie und die kirchlichen Rituale haben mich geprägt.

Da war es für mich schon ein kleiner Schock, als mein Vater vor einiger Zeit verkündete, er sei aus der Kirche ausgetreten. Aus den naheliegenden Gründen, dass die katholische Kirche nicht gerade offen und tolerant gegenüber Homosexuellen ist. Dass er nicht mehr für eine solche Institution arbeiten und auch kein Teil mehr davon sein möchte, kann ich natürlich voll und ganz nachvollziehen.
Es war für mich trotzdem schwer zu verstehen, dass plötzlich die Ansichten und Werte, die ich als Kind über die Religion vermittelt bekommen habe, nicht mehr richtig sein sollten. Ich war enttäuscht und auch ein bisschen wütend. Bis ich verstanden habe, dass die Enttäuschung über die alten und verkrusteten Ansichten der Institution Kirche bei meinem Papa in seiner jetzigen Lebenslage einfach sehr schwer wiegen, er aber damit nicht weniger Vertrauen zu Gott hat und damit meine Erziehung nicht falsch war.

Trotzdem sehne ich mich nach einer gewissen Spiritualität und auch nach etwas Beständigem in meinem Leben. Der Glaube und der Gottesdienst ist so ziemlich die einzige Sache, die noch genauso ist wie in meiner Kindheit und die mich an sie erinnert.
Seit Ostern war ich deshalb wieder ein paar mal in der Kirche. Es ist eine moderne Gemeinde – der Ablauf, der Pfarrer, die Menschen dort und vor allem die Lieder tun mir gut und geben mir im Kleinen Halt. Im Großen gibt es natürlich viele Punkte, die mich an der Institution Kirche stören. Aber noch wiegen sie nicht schwerer als das Gefühl des „Ankommens“ in und nach einem Gottesdienst.

Dass ich das bin

Vergangene Woche hatte ich Geburtstag. Im Gegensatz zu letztem Jahr gab es keine Familienfeier, ich hatte nur eine kleine Feier bei mir zu Hause mit einigen Freunden geplant. Fast hätte ich gedacht, es wird der erste Geburtstag, an dem ich meine Eltern gar nicht sehe. Doch als ich nachmittags von der Arbeit nach Hause kam, stand plötzlich meine Mama vor der Tür und wollte mich überraschen! Auch wenn sie damit meine ganze Planung für den Tag über den Haufen warf, habe ich mich darüber unheimlich gefreut!

Mehr als einmal sagte sie mir an diesem Nachmittag, dass der Tag vor 23 Jahren, als ich geboren wurde, ein ganz besonderer gewesen wäre und sie sich an diesen Tag sehr gerne erinnere. Auch mein Papa schrieb sogar in seiner Geburtstagskarte, dass der Tag einer der schönsten seines Lebens gewesen war (und davon gebe es nicht viele).

Da wurde mir bewusst, dass dieser Tag wohl das Einzige ist, was meine Eltern noch miteinander verbindet. Dass ich das Einzige bin, was sie noch gemeinsam haben. Das hört sich trauriger an, als es ist. Und dennoch kann ich manchmal nicht glauben, dass tatsächlich nur noch ich das bin.
Dass ich das bin, die hier diesen Blog schreibt. Dass ich das bin, die in der NEON ihre Geschichte erzählt hat. Dass ich das bin, die um Rat von schwulen Vätern, betroffenen Kindern und Ehefrauen gefragt wird. Auch dass ich das bin, die damit manchmal überfordert ist und nur erzählen kann, wie es damals bei ihr abgelaufen ist.

Und ich hoffe, ihr könnt euch vorstellen, dass ich das bin, der ihr mit all euren Mails, Kommentaren und Gesprächen zeigt, dass das, was ich hier tue, wohl einen Sinn hat und dass auch ich mit dieser besonderen Situation nicht alleine bin!

Neon-Artikel

Ich habe noch immer zitternde Knie: Auf dem Weg zur Arbeit habe ich meinen/unseren Artikel im Neon-Magazin gelesen.

Anfang Januar kam eine freie Journalistin auf mich zu. Sie hatte von meinem Blog gehört und auch den Artikel in der BILD-Zeitung gelesen. Sie möchte gerne eine Reportage über eine Familie schreiben, in der sich ein Elternteil geoutet hat. Dazu würde sie gerne mich, aber auch meinen Vater und meine Mutter interviewen. Das Ganze soll im neon-Magazin erscheinen.
Ich war zunächst skeptisch: Unsere Familiengeschichte auf mehr als einer Doppelseite in einem so großen Magazin mit Fotos von uns. Nach mehreren Telefonaten mit der Journalistin und meinen Eltern entschieden wir uns dafür zuzusagen.
Nicola, die Journalistin, besuchte jeden von uns und jeder erzählte wohl unsere Geschichte ein klein wenig anders. So konnte sie ihre Reportage aus drei verschiedenen Blickwinkeln formen.
Es entstand ein 4-seitiger Artikel mit aktuellen Fotos und Kinderbildern. Die eigene Geschichte abgedruckt in einem Magazin zu lesen war komisch, aber so wie sie Nicola geschrieben hat, genau richtig.

Ein großes Dank also an Nicola Meier für ihr Einfühlungsvermögen und den schönen Schreibstil sowie an Ramon Haindl für die tollen Fotos und die Geduld!

Bleibt abzuwarten, ob, wer und wie reagiert…

Weihnachten und das neue Jahr

Auch dieses Jahr war Weihnachten wieder eine kleine Premiere: Das erste Mal feierten wir als „echte“ Regenbogen-Patchworkfamilie: Mein Vater, sein Freund, seine Tochter plus ihr Freund.

Es war ein schöner Heiligabend voll von kleinen Kompromissen: Papa und ich sind mit in die evangelische Christvesper gegangen (wir sind eigentlich katholisch), dafür wurden vor der Bescherung ein paar Weihnachtslieder gesungen. Außer meinem Papa kann in dieser Konstellation eigentlich niemand singen, aber es geht ja ums Gefühl und nicht darum, dass es schön klingt. Beschert wurde erst nach dem Essen und Singen, dafür guckten wir zum Abschluss des Abends „Weihnachten bei den Hoppenstedts“.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag setzte ich mich dann in den Zug und … kam nach 7 Stunden Bahnfahren bei meiner Oma und meinem Opa an. Ich besuchte dann noch meine Mama, Tanten, Cousins und beste Freundin. Wie jedes Jahr also eine kleine Weihnachtsrundreise, die mal wieder viel zu schnell vorbei ging.

Silvester feierte ich dann in Frankfurt und dachte an die Neujahrsvorsätze von vor einem Jahr, die ich damals hier online gestellt habe:

  • Mit Hilfe von tollen Kochbüchern wie La Veganista und Vegan for fun einen veganen Tag pro Woche einlegen:
    Hat in dern erste Hälfte Jahres echt gut geklappt, aber dann hab ich es schleifen lassen…Das Geschenk von Papa zu Weihnachten, eine Yogamatte, regelmäßig benutzen:
    Check! Das Yoga-Equipment ist sogar gewachsen.
  • Mir neben meinem Job Zeit für’s Studium freischaufeln
    Check! Man muss sich zwar immer disziplinieren, aber bislang läufts ganz gut.
  • Eine neue Wohnung suchen, finden und einrichten
    Check!
  • Eine Frankfurt-Halle-Tour mit meinem Freund mit Stopps in Erfurt und Weimar
    Check!
  • Mehr Lesen, weniger Fernseh gucken
    Check!
  • Meine adidas boost anschnallen und wieder joggen gehen (abends, wenn’s noch hell ist, aber nur wenn es nicht so kalt ist… und nicht regnet…)
    Das war eigentlich von vornherein schon klar, dass das nicht klappt…
  • hier und da regelmäßig bloggen
    Naja, hat mehr oder weniger geklappt.

 

Wie man sieht hat das Erfüllen der Vorsätze mal mehr, mal weniger geklappt. Deshalb gibt’s keine neue Liste für das Jahr 2015. Ich hab im letzten Jahr gelernt mehr auf mich zu achten und das zu tun was mein Bauch mir sagt. Da vertrau ich auch einfach 2015 drauf!

Lange nichts gehört

Mein letzter Blogpost ist schon ziemlich lang her. Man könnte meinen, es wäre seitdem nichts passiert. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Es ist viel passiert. Zu viel, um überhaupt noch zum Schreiben zu kommen. Aber da es hier um das Leben mit einem schwulen Papa geht, wäre das hier fehl am Platz.

Der Artikel in der BILD-Zeitung hat in meiner Familie noch einige Wellen geschlagen: Ich hatte das Interview zwar mit den „direkt betroffenen“, nämlich meinem Papa, seinem Freund und meiner Mutter abgesprochen, nicht aber mit dem Rest meiner Familie. Sie waren daraufhin sehr enttäuscht und sauer – allerdings gar nicht so sehr auf mich, sondern eher auf die allgemeine Tatsache, dass das Schwulsein meines Papas jetzt so prominent in der BILD steht. Um mich und mein Anliegen, nämlich, dass man sehr gut mit einem schwulen Papa leben kann, ging es komischerweise überhaupt nicht.

Das hat mir bewusst gemacht, dass wir als Familie wohl immer noch in einem Akzeptierungs- bzw. Tolerierungsprozess stecken und ich da womöglich eine Schwelle übertreten habe, zu denen die anderen noch nicht bereit waren (und vielleicht auch nie bereit sein werden). Es ist eben ein großer Schritt zwischen „wir akzeptieren es“ und „die ganze Welt kann es auch erfahren“.

Dagegen waren die Reaktionen aus dem Freundeskreis meines Papas und auch meiner eigenen Kollegen so positiv und ermutigend, dass ich es auf keinen Fall bereue ein solches Interview gegeben zu haben.

Interview BILD-Zeitung

Die Anfrage kam in meinem Urlaub: Eine Redakteurin der BILD-Zeitung möchte ein Interview von Kindern aus Familien mit alternativen Lebensformen führen und drucken. Unter anderem hätte sie da an mich gedacht. Ich war zuerst ganz begeistert, das ist ja toll, dass es so ein Thema auch mal in eine Zeitung mit solch einer Auflage und Reichweite hat. Doch dann kamen Zweifel: Es ist halt eben auch die BILD-Zeitung, vielleicht drehen die mir dann die Worte im Mund rum, sind nur auf eine Schlagzeile aus.

Nach mehreren Telefonaten mit Antonia, der Redakteurin, und der Zusicherung, dass meine (Stief-)Regenbogenschwester auch mit kommt, habe ich dann doch zugesagt. Was dabei heraus gekommen ist, könnt ihr in der Printausgabe von morgen oder hier lesen.

Ich danke Antonia und ihrem Fotografen ganz herzlich für ihre Geduld, die sensiblen Fragen und ihr Interesse für dieses Thema!

Vergangenes Wochenende fand im Waldschlösschen wieder ein Seminar für schwule Väter statt. Dieses Mal organisiert von der Städtegruppe Halle & Friends, zu denen auch mein Papa und sein Freund gehören. Als besonderes „Highlight“ hatten sie sich eine Gesprächsrunde mit Kindern schwuler Männer ausgedacht. So kam es dann, dass ich Samstagvormittag mit der Tochter des Freundes meines Vaters im Auto Richtung Halle saß. (Sperrige Umschreibung: Stiefschwester trifft es allerdings auch nicht richtig, da 1. unsere Väter nicht verheiratet sind und 2. das sowieso so böse klingt. Wir haben überlegt wie man das anders ausdrücken könnte und uns dann auf Regenbogenschwestern geeinigt)

Wir zwei Mädels und ein Junge stellten uns dann eineinhalb Stunden lang den Fragen der schwulen Väter. Das Ganze wurde moderiert von Uli Streib-Brzic, der Autorin des Buch „Und was sagen die Kinder dazu“. Ich will gar nicht so sehr auf die Themen und Fragen eingehen, die da besprochen und gestellt wurden, da diese ja doch sehr privat sind. Aber eines wurde den Männern, glaube ich, sehr deutlich: Oft verschweigen die Kinder das Schwul-sein ihres Vaters nicht aus Angst vor Anfeindungen gegen sich selbst, sondern weil sie Angst vor Diskriminierung ihrem Vater gegenüber haben oder weil sie nicht wollen, dass schlecht über ihn geredet wird. Also aus Schutz für den Vater.

Mich hat so berührt zu sehen, wie sehr diese Gesprächsrunde den Vätern geholfen hat. Einfach nur, weil wir erzählt haben, wie es uns ergangen ist und was wir in der Zeit der Trennung unserer Eltern bzw. des Coming-outs gefühlt und gedacht haben. Ich wünsche mir, dass die Väter heim zu ihren Kindern gekommen sind und gesagt haben: Schau mal, du bist nicht allein, es gibt auch ganz viele andere Kinder mit schwulen Vätern!

Danke für diesen Tag, er hat auch in mir viel bewegt und mir viel gebracht!

Ein wenig über mich

Ich habe in letzter Zeit viel über mich selbst gelernt. Impulse dafür gab es sicherlich durch diesen Blog, aber auch durch zwei Bücher von Sylvia Löhken: „Leise Menschen – starke Wirkung“ und „Intros und Extros“. Sie beschreibt darin das Wesen von introvertierten Personen, gibt Tipps zu den Intro-Stärken und wie man sogar Intro-Schwächen für sich nutzen kann. Ich zähle mich eindeutig zu den introvertierten Menschen, dennoch überraschte es mich, wie sehr ich mich in diesen Büchern wiedergefunden habe. Durch sie habe ich mich und meine Arbeitsweise besser verstehen gelernt:

  • Ich schreibe lieber statt anzurufen
  • An Abenden nach Tagungen oder Messen ziehe ich mich lieber zurück statt noch auszugehen
  • Vorträge und Präsentationen bereite ich lieber für andere vor statt sie selbst zu halten
  • In hitzigen Diskussionen halte ich mich erstmal zurück und definiere meine Position lieber in einer ruhigen Minute

 

Nach diesen Erkenntnissen kamen dann gleich die nächsten Fragen auf: Wieso traue ich mich dann als introvertierte Person mit diesem sensiblem Thema der Homosexualität meines Vaters einen Blog zu füttern? Wieso stellte ich mich in meiner Heimatstadt regelmäßig NPD-Parteimitgliedern und anderen Rechten auf Demonstrationen und Bühnen entgegen? Wieso ergriff ich auf einem Branchentreffen die Initiative und stellte 100 Menschen mein anderes Blog-Projekt vor?

Zur Beantwortung half mir ein Referent auf einer Tagung mit seinem Verhalten: Der erste Eindruck von ihm war der eines verschüchterten Mannes, dem man es nicht zutraut einen einstündigen Vortrag halten zu können. Doch als er die Bühne betrat und die ersten Sätze sprach, wandelte sich dieses Bild ins komplette Gegenteil und er zog das Publikum mit jedem Satz und kleinen Provokationen im Vortrag in seinen Bann. Warum? Weil die Thematik über die er redete seine Leidenschaft war und ist und er uns alle damit anstecken wollte.

Jeder, auch ich als introvertierter Mensch, hat etwas, wofür er brennt und wofür sein Herz schlägt. Etwas, wofür man bereit ist seine Komfortzone, in der alles so schön bequem und bekannt ist, zu verlassen und sich einfach zu trauen! Wenn man darauf dann noch positive Rückmeldungen bekommt, stärkt einem das noch mehr den Rücken. (Zu meinem Blog bekomme ich spannende Kommentare, die ein oder andere NPD-Demonstration konnte verhindert oder zumindest gestört werden und u. a. durch meine Initiative auf dem Branchentreffen wurde ich für den Job vorgeschlagen, den ich jetzt habe).

Es hat sich also gelohnt.

Geburtstag

Am Ostersonntag feierte ich meinen 22. Geburtstag. Ich hatte meine Familie auf den Campus eingeladen, auf dem ich auch arbeite. Ich wollte ihnen endlich mal zeigen, wo ich meine berufliche Zeit verbringe, damit sie sich das besser vorstellen können. Natürlich war auch Papa und sein Freund eingeladen. Sie kamen schon einen Tag vor der Feier und wir gingen abends zusammen mit der Tochter von Papas Freund, ihrem Freund und meinem Freund essen. Das war eine kleine Premiere und es war ein sehr schöner Abend, völlig ungezwungen und „normal“. Auch wenn Papa abends im Hotel von der Empfangsdame gefragt wurde, ob die beiden nicht lieber ein Zimmer mit Einzelbetten haben möchten. (Er hat auf ein Doppelbett bestanden).

Leider haben meine Mama und ihr Freund aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen müssen. Sonst wäre das eine weitere Premiere gewesen: Eine Geburtstagsfeier mit meinen Eltern und ihren neuen Lebensgefährten.

Vielleicht klappt es ja nächstes Jahr! Ich glaube, wir wären bereit dazu.

Coming out eines Familienvaters

Vor einigen Tagen sah ich die NDR-Reportage „Mein Mann ist schwul – Coming out eines Familienvaters“ und fand sie so berührend, dass ich hier gerne ein paar Gedanken dazu veröffentlichen will.

Die Geschichte ist – denke ich – schon fast typisch für einen Familienvater, der sich outet: Es keimen erste Gedanken ans Schwul sein auf, man probiert sich aus, man redet mit der Ehefrau/Freundin darüber und dann auch mit den Kindern. Doch wann ist der „richtige“ Zeitpunkt es den Kindern zu sagen? Die Eltern in der Reportage entscheiden sich dafür, die Kinder sehr früh mit einzubeziehen. Mit Anzusehen wie die Kinder aber noch hofften, dass ihr Papa doch bei der Familie bleibt bzw. gar nicht wussten wie es weiter geht, tat mir sehr weh. Meine Eltern sagten es mir erst, als feststand, dass sie sich trennen und Papa ausziehen würde. Im ersten Moment war ich natürlich enttäuscht, dass sie das so lange vor mir geheim gehalten haben, aber im Nachhinein bin ich doch sehr froh darüber. Natürlich habe ich damals gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Ich habe es aber immer auf den Tod meiner Großeltern geschoben, die kurz vor dem Outing meines Vaters gestorben waren. Für mich war nie die Nachricht, dass mein Vater schwul ist, schlimm oder beängstigend, sondern die Tatsache, dass meine Eltern sich trennen.

Ich bin froh, dass damals keine Unklarheit und Unsicherheit geherrscht hat, sondern klare Verhältnisse, die mich aufgefangen haben und das Wissen, dass meine Eltern trotz Trennung immer für mich da waren und sind.

Pas de deux

Ein Pas de deux bezeichnet – laut Wikipedia – ein Duett und ist in der Regel der Höhepunkt eines Balletts. Übersetzen könnte man es mit „Tanz zu zweit“.

In der Ballettgala, die ich am Wochenende mit Papa und seinem Freund besuchte, gab es eigentlich nur Höhepunkt – es war ein Best-of des Ballettensembles. Dafür gab es einen Überraschungshöhepunkt: Ein Pas de deux zwischen zwei Männern. Stark und sanft zugleich verblüfften sie zunächst die Zuschauer, zogen sie aber dann mit ihrer beeindruckenden Performance in ihren Bann und ernteten lobenden Applaus. Das könnte es ruhig öfter geben, in einer Welt, in der – normalerweise –  jede Position fest geregelt ist und strenge Konventionen herrschen.

Ein bisschen schade fand ich es dann aber schon, dass trotzdem klar erkennbar war, wer den Männer- und wer den Frauenpart tanzte…

Nuno geteilt durch zwei

Aufmerksam wurde ich auf das Buch „Nuno geteilt durch zwei“ (mixtvison-Verlag) im Kilifü, einem Kinderliteraturführer, der über 300 Kinderbücher kurz, aber liebevoll rezensiert.

Im Buch geht es um das Trennungskind Nuno, der von nun an abwechselnd eine Woche bei seiner Mama und eine Woche bei Papa leben soll. Gewechselt wird immer samstags: „Es Samstag. Der erste von diesen neuen blöden Samstagen.“

Es sind die kleinen Dinge, die dieses Buch ausmachen und die die Schwierigkeiten dieses Wechselmodells aufzeigen: Beim 1. Umzug zu Papa, kann sich Nuno nicht entscheiden was er alles mitnehmen soll, also packt er kurzerhand den Inhalt seines gesamten Zimmers ein. Papa kann ihn aber aus Zeitgründen nicht pünktlich zum Taining bringen, bei Mama darf er kein Fußball schauen. Dienstags ist Gitarrenstunde, da wäre er gern bei Papa, weil das Üben mit ihm viel mehr Spaß macht. Aber sonntags lieber wieder bei Mama, weil sie das beste Sonntagsfrühstück macht. Seine Eltern wollen ihm alles recht machen –  streichen Zimmer neu, kochen sein Lieblingsessen – aber vergessen dabei Nuno zu fragen, was er denn eigentlich will und braucht.

Als er dann aber auf die ältere alleinstehende Nachbarin seines Vaters trifft, entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden und sie macht ihm klar, dass jede Wendung im Leben auch seine Vorteile hat. Und so tüfteln die beiden einen perfekten Wochenplan aus, damit Nuno, aber auch seine Eltern glücklich mit der Trennungssituation leben und zurechtkommen können.

Ich denke man darf Kinder in dieser Situation nicht überfordern, sie brauchen gewisse Strukturen und Pläne. Aber es ist schön, wenn diese gemeinsam entstehen und beschlossen werden, sodass alle sich wohlfühlen. Und manchmal machen es eben diese kleinen Gründe aus, die in diesem Buch so schön authentisch beschrieben werden, dass eine Situation so ist, wie sie ist.

© mixtvision Verlag

Nuno geteilt durch zwei
mixtvision Verlag
Saskia Hula (Text)
Eva Muszynski (Illustration)
ISBN: 978-3-939435-83-9

2014 ist da

Heiligabend und die Feiertage gingen wie im Flug vorbei und nun ist es da: Das Jahr 2014! Es ist mir ja schon allein wegen der 14, meiner Lieblingszahl, sympathisch. Aber auch, weil feststeht, dass sich dieses Jahr einiges verändern wird. Deshalb will ich hier meine guten Vorsätze schriftlich festhalten:

  • Mit Hilfe von tollen Kochbüchern wie La Veganista und Vegan for fun einen veganen Tag pro Woche einlegen
  • Das Geschenk von Papa zu Weihnachten, eine Yogamatte, regelmäßig benutzen
  • Mir neben meinem Job Zeit für’s Studium freischaufeln
  • Eine neue Wohnung suchen, finden und einrichten
  • Eine Frankfurt-Halle-Tour mit meinem Freund mit Stopps in Erfurt und Weimar
  • Mehr Lesen, weniger Fernseh gucken
  • Meine adidas boost anschnallen und wieder joggen gehen (abends, wenn’s noch hell ist, aber nur wenn es nicht so kalt ist… und nicht regnet…)
  • hier und da regelmäßig bloggen

Die Premiere „Weihnachten ohne Papa“ habe ich übrigens gut überstanden. Er hat extra für den Heiligabend noch eine CD selbst aufgenommen, damit wir wenigstens seine Begleitung beim Singen der Weihnachtslieder haben. Und der Tag, an dem wir uns dann endlich sahen, der 27.12., wurde kurzerhand zum 3. Weihnachtsfeiertag erklärt!

Weihnachten für mich

Als Kind war Weihnachten für mich am schönsten. Und das sage ich nicht, weil man damals die größten und tollsten Geschenke bekam, sondern weil noch vor 9 Jahren meine ganze Familie an Heiligabend und den Feiertagen zusammen kam. Mama, Papa, Tante, Omas und Opas – alle wurden eingeladen und wir feierten ein gemütliches Weihnachten mit gutem Essen, Singen, Spielen, Weihnachtsbaum und natürlich vielen Geschenken. Der Heiligabend war uns sehr wichtig und glich schon fast einem Ritual: Am 23.12. wurden im Wohnzimmer die Rollläden heruntergelassen und die Tür abgeschlossen, so dass das „Christkind“ in Ruhe den Baum schmücken und die Geschenke abladen konnte. Erst an Heiligabend nach dem Essen läutete irgendwann ein Glöckchen und verriet, dass nun alles bereit sei: Der magische Moment, in dem die Tür geöffnet wurde und man mit seinen ganzen Lieben den dunklen, schön dekorierten Raum mit dem beleuchteten Weihnachtsbaum sah: Das war und ist Weihnachten für mich.

Jetzt bin ich 21, glaube nun nicht mehr, dass wirklich das Christkind das Glöckchen läutet und die Geschenke bringt, habe nun aber jedes Jahr eine logistische und organisatorische Aufgabe bei der Weihnachtsplanung vor mir. Mama und Papa feiern nun natürlich nicht mehr zusammen, trotzdem möchte man sie über die Feiertage beide sehen. Aber man will auch den eigenen Freund, Oma & Opa, Tanten und Cousins, die neuen Partner der Eltern und die beste Freundin sehen. Dazu kommt noch die räumlich Entfernung zu den jeweiligen Verwandten. Ich kann nicht mal eben eine Rundfahrt machen und alle an drei Tagen besuchen. Deshalb bin ich in der Vorweihnachtszeit meistens gar nicht gut auf Weihnachten zu sprechen, da ich weiß, dass ich es nicht allen Recht machen kann und man immer Kompromiss eingehen muss.

Dieses Jahr habe ich mich nun das erste Mal dazu entschieden nicht herum zu reisen, sondern den Heiligabend und die Feiertage bei meiner Oma und meinem Opa zu verbringen. Der Grund dafür ist, dass ich die Zeit mit meinen Großeltern, in denen sie noch fit und da sind, genießen will, und ich mit ihnen zumindest ansatzweise so Weihnachten feiern kann, wie ich es als Kind hatte. Das hat nun leider auch die Folge, dass ich meinen Papa erst nach den Feiertagen sehen werde und dies unser erster Heiligabend getrennt voneinander sein wird. Das tut mir natürlich schon weh, aber ich hoffe einfach, dass es – wie auch in den letzten Jahren – trotzdem schön wird. Auch wenn immer jemand fehlt.

Schlaf mein Kind

Im Moment wühle ich mich gerade durch den Lernstoff von zweieinhalb Jahren Ausbildung – die Abschlussprüfung steht bald an, so dass ich leider nicht wirklich viel Zeit finde etwas für den Blog zu schreiben…

Um so mehr freut es mich, wenn in dieser stressigen Zeit Papa an mich denkt und mich unterstützt. Und gestern Abend lädt er „mal eben so ein Lied für mich bei Youtube hoch“! Der Text wurde von seinem Freund bearbeitet und er hat das Ganze vertont und gesungen.

Es geht um das väterliche Beschützen der eigenen Kinder, wenn man von ihnen getrennt ist (aus welchen Gründen auch immer) in Form eines Schlaflieds. Ich bin sehr froh, dass ich „nur“ räumlich und auf große Distanz von ihm getrennt bin und nicht weil wir zerstritten sind oder mir gar der Umgang mit ihm verboten wurde. Und auch wenn er nicht immer physisch bei mir sein kann, weiß ich, dass er mich immer aus der Ferne beschützt.

Aber hört selbst:

Ganz ohne Sorge

Ohne Sorgen leben konnten die Menschen im 18. Jahrhundert anscheinend nur in sehr prunkvollen Gebäuden. Deshalb baute sich der preußische König Friedrich der II. ein pompöses Schloss, in dem es ihm an nichts mangelte und er seine Tage ganz entspannt verbringen konnte. Damit auch jeder schon beim Hören des Namens wusste, dass es ihm an nichts fehlte, nannte er es kurz „Schloss Sanssouci“ – übersetzt: Ohne Sorgen.

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© MJ

Mir reicht es ja schon, wenn ich einen Tag in diese alte Welt abtauchen und mir die Schlösser aus dieser Zeit ansehen kann. Und weil Papa das auch weiß, fuhren wir an einem kalten, aber sonnigen Samstag von Halle aus nach Potsdam. Sein Freund (Biologe, immer auf der Suche nach seltenen Pflanzen oder Fliegen) und ein Freund (bewandert in der Geschichte Schloss Sanssoucis) kamen auch noch mit. Ich war also mal wieder die einzig weibliche Person in einer schwulen Gruppe. Da aber alle Besucher ganz abgelenkt vom pompösen Schloss waren, fielen wir nicht weiter auf.

In den etwas abgelegenen „Neuen Kammern“ zogen wir dann doch kurz die Aufmerksamkeit auf uns: Wir konnten es uns nicht verkneifen im prunkvollen Festsaal etwas zu rumtanzen und Fotos auf den schmuckvollen Sofas zu machen. Der nette Herr, der zur Bewachung der Säle angestellt war, beäugte uns zwar kritisch, verkniff sich aber einen Zurechtweisungs-Kommentar. Wahrscheinlich weil er selbst zur schwulen Familie gehörte…

Den Tag ließen wir in der Potsdamer Innenstadt im holländischen Viertel bei einem guten Essen ausklingen – das kulinarische Angebot im Schloss konnte nämlich den schwulen und heterosexuellen Kaffeehunger leider nicht befriedigen.

Die Suche nach dem goldenen Schuh

Mein Papa ist nun wirklich nicht der „Teekannen-Schwule“. Das soll nun wirklich nicht beleidigend klingen und ich hoffe, dass mir das niemand übel nimmt. Aber es gibt nun mal Klischees und oft nehmen sich Schwule selbst damit auf die Schippe. Zumindest in meiner Gegenwart hält sich mein Papa in Sachen auffälliger Kleidung zurück. Ab und zu ein blumiges Hemd, aber das war’s auch schon.

Als nun vor ein paar Wochen ein befreundetes schwules Pärchen heiratete, musste natürlich ein Beitrag von ihm und seinem Freund her. Sie schrieben das Skript von „Götter wie wir“ um und waren ganz in ihrem Element, als ich kurz vor dem Auftritt zu Besuch kam (Wer Inge und Renate nicht kennt: Die beiden sind Gott. Klingt erste mal e bissle komisch, is aber so. Für sechs Folgen schlüpften Carsten Strauch und Rainer Ewerrien in die Rollen der beiden im biederen Chefsekretärinnen-Look und interpretierten biblische Ereignisse, wie z.B. den Auszug aus Ägypten auf sehr unterhaltsame Weise neu.)

Papa spielte Renate, trainierte sich den hessischen Akzent an, der ja seinem „Mutter-Dialekt“ Pfälzisch sehr ähnlich ist und sein Freund packte das fast vergessene Sächsisch wieder aus. Musste nur noch das passende Equipment her: Beim Bummel durch die Stadt fand ich mich also plötzlich in einem Second Hand Laden auf der Suche nach goldenen Pumps Größe 43 wieder. Die Gesichter der Verkäuferinnen dort waren unbezahlbar: Generell können Außenstehende uns zwei nur schwer einordnen: Vater und Tochter, Mann und viel jüngere Ehefrau, Mann mit Geliebte – war schon alles dabei.
Und dann sucht der Typ auch noch nach goldenen Schuhen… Eine wirklich kuriose Situation, bei der mir eigentlich erst hinterher bewusst wurde, wie sie auf Außenstehende wirken musste. Uns war dabei gar nichts peinlich, es ging ja schließlich nur um einen lustigen Beitrag für die Hochzeit.
Wir hatten unseren Spaß, die Schuhe mussten schlussendlich doch übers Internet bestellt werden und der Beitrag wurde zum vollen Erfolg!

Zitat der Woche: Jens Spahn

Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, outete sich im November 2012. In einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift neon antwortet er auf die Frage, wieso er im März 2013 gegen den Antrag der Grünen zum Adoptionsrecht für homosexuelle Paare gestimmt hat, mit den Worten „Das war ein Antrag der Opposition. Ihr ging es darum, uns vorzuführen. Deshalb habe ich nicht gegen den eigenen Laden gestimmt.“

Vorher hatte er noch mit einigen CDU-Abgeordneten für die steuerliche Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften gekämpft. Eine Kehrtwende, nur weil es ein Antrag der Opposition war. Schade!

Quelle: neon

Der richtige Zeitpunkt

Die Frage ob man seinem Bekannten- und Freundeskreis erzählt, dass der eigene Papa schwul ist, ist noch relativ leicht zu beantworten: Ja oder Nein. Entscheidet man sich für Ja, stellt sich die nächste und schwierigere Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt damit rauszurücken? Hat sich der Elternteil erst kürzlich geoutet, hat das Thema noch diesen „Neuigkeits-Wert“ und man kann es den guten Freunden einfach á la „Bei mir gibt’s was Neues…“ auftischen.

Bei mir liegt das nun allerdings schon etwas zurück und gerade deshalb tue ich mir oft schwer den richtigen Zeitpunkt zu wählen: Zeitpunkt nicht im Sinne von abends beim Essen oder lieber morgens beim Brunch, sondern in welchem „Stadium“ der Beziehung zu Freunden oder dem Partner ich es anspreche.
Generell bin ich sehr offen damit und es kann eigentlich jeder wissen – nur beim 1. Date sagt ja auch keiner: „Ach übrigens, meine Eltern sind zwar getrennt, aber heterosexuell“. Davon geht der Durchschnitt ja einfach aus und das kann man niemandem zum Vorwurf machen. Wieso sollte ich dann jemandem die Homosexualität meines Vaters gleich so dreist auf die Nase binden?

Festigt sich aber die Beziehung und hat man schon über alles gesprochen, nur nicht über das Coming out, wächst der Druck noch weiter. Vor allem kann es der Partner dann als Vertrauensbruch verstehen, weil er sich hintergangen fühlt und nicht versteht, wieso man nicht schon früher was gesagt hat.

Perfekt ist es also frühzeitig mit der Sprache rauszurücken, idealerweise wenn das Thema Homosexualität sowieso schon auf dem Tisch ist. So auch bei meiner Weihnachtsfeier im letzten Jahr: Ich war im zweiten Ausbildungsjahr, einige Kollegen, meine Chefin und ich saßen an einem Tisch und unterhielten uns über potentiell homosexuelle Kollegen (Ich wiederhole: Es war Weihnachtsfeier und da gehören kleine Lästereien dazu).
Bevor dann der Streit ausbrach, ob der Typ aus dem Marketing nun schwul sei, sagte ich einfach zwischen rein: „Ich kann das wohl am besten einschätzen: Mein Papa ist schwul“. Natürlich waren erst mal alle sprachlos und ein wenig irritiert, aber dann prasselten die Fragen auf mich ein: Wann hat er sich geoutet? Wie kam meine Mutter damit klar? War das ein Schock für mich? Wie lebt er jetzt? Hat er einen Freund? (Den Marketing-Kollegen interessierte niemanden mehr)

Es lohnte sich also in die Offensive zu gehen, denn mir schlugen keine Häme oder Beleidigungen entgegen, sondern Respekt und Anerkennung. Seitdem antworte ich auch auf der Arbeit auf die Frage, wieso denn mein Papa nach Halle umgezogen ist, mit: „Der Liebe wegen. Sein Freund wohnt da.“

Zitat der Woche: Reinhard Günther

FDP-Bundestagskandidat Reinhard Günther antwortete kürzlich auf eine Frage einer Bürgerin im Politikportal abgeordnetenwatch.de mit der These, dass Kinder, die bei homosexuellen Eltern aufwachsen, später selbst homosexuell werden.

Und geht sogar noch weiter: „Die Militanz mit der die homosexuellen Akteure und ihre Parteigänger versuchen ihre sogenannten „Rechte“ durchzusetzen erfordert leider eine deutliche öffentliche Antwort. Ein Recht auf Anerkennung, wie es verlangt wird, besteht ganz grundsätzlich nicht, noch ist der Staat in der Lage ihnen dieses zu verschaffen.“

Wüsste ich nicht schon, wen ich am 22. September wähle, wüsste ich zumindest jetzt, wen nicht.

Quelle: welt.de, abgeordnetenwatch.de

Zitat der Woche: Macklemore

Macklemore ist zwar nicht der knallharte Gangster-Rapper, trotzdem hat er als Rapper etwas sehr ungewöhnliches getan: In seinem Song „Same Love“ singt er über die Gleichberechtigung Homosexueller und gibt sogar zu:
„When I was in the 3rd degrade I thought that I was gay“

Weiter lässt er von Mary Lambert im Refrain singen: „And I can’t change. Even if I tried. Even if I wanted to“

Mit einem eingängigen Beat verstärkt, wird der Song mit dieser schönen Botschaft in Deutschland und in den USA gerade rauf und runter gespielt. Zurecht!

Update: Er lässt Mary Lambert nicht singen, sie hat einen eigenen Song „She keeps me warm“ geschrieben und sich nur für den Refrain mit Macklemore zusammengetan.

Blogparade: Wo ist meine Heimat?

Zuerst einmal vorweg: Bei einer Blogparade legt ein Blogger ein bestimmtes Thema fest zudem weitere Blogger in einem bestimmten Zeitraum einen Artikel zu diesem Thema auf ihrem Blog veröffentlichen können.
Katja Wenk startete nun auf ihrem Blog eine solche Blogparade und fragt: Was ist Eure Heimat?

Da mich diese Frage auch oft umtreibt und die mir oft gestellt wird, will ich mich hier gerne einmal dazu äußern:

Aufgewachsen bin ich die ersten zehn Jahre meines Lebens im Testmarkt der GfK für Marken- und Konsumartikel:
Im Dorf Hassloch, das in der Nähe von Ludwigshafen/Mannheim liegt. Als Kind wusste ich natürlich nicht, dass Hassloch repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ist und dass deshalb dort neue Produkte getestet werden. Viel besser fand ich, dass man als Bürger des Dorfs freien Eintritt in den Holiday-Park bekommt, der dort ansässig ist. Für Familien mit Kindern also ein perfekter Wohnort!
Auch zum Rest der Familie war der Weg nie weit – sie wohnten nur 20 Minuten entfernt, ebenfalls noch in der Vorderpfalz.

Dann zog ich mit meiner Mama und meinem Papa, die damals noch zusammen waren, in die Hinterpfalz und tauschte Weinberge gegen Pfälzer-Wald. Dort verbrachte ich die nächsten zehn Jahre meines Lebens.
Nach einigen kleineren Umzügen innerhalb der Stadtgrenzen musste dann der Wald der Großstadt weichen und die Schule der Ausbildung. (Mein Papa hatte sich zwischenzeitlich geoutet und meine Eltern getrennt). Ich landete in Frankfurt am Main, meine Mutter wieder in der Vorderpfalz und mein Vater in Halle an der Saale.

Wo ist nun meine Heimat?
Ich kann immer noch zu meiner Familie zu Besuch, habe dort auch einen Platz zum Schlafen. Aber nirgends steht mein „altes Kinderzimmer“, ich kann nicht in das Haus meiner Kindheit zurückkommen. Darum beneide ich oft Kinder, deren Eltern noch zusammen sind und zusammenleben.

Meine Definition von Heimat bezieht sich deshalb eher auf Personen und Gegenden. Ein Heimatgefühl stellt sich ein, wenn ich bei meinen Großeltern in der Vorderpfalz bin. Dort lebt immerhin noch der Großteil meiner Familie und es ist der einzige Ort, der noch genauso ist wie in meiner Kindheit. Ich mag die Gegend dort– auch wenn ich sie erst jetzt nach dem Weggang richtig schätzen gelernt habe.
Aber auch bei meinem Vater in Halle fühle ich mich daheim. Obwohl ich vor seinem Umzug noch nie in Halle war oder mit ihm dort zusammen gelebt habe. Ich glaube es ist egal wo er wohnt, bei ihm fühle ich mich wohl, zuhause und geborgen.

Zu diesem Blog

Wieso ich das mache?

Es ist mein Leben und ich will keine großen Tipps zu Outing oder dem Leben mit homosexuellen Elternteilen geben. Mein Papa ist schwul und hier könnt ihr einfach nur lesen wie es ist mit ihm zu leben – und damit auch Teil einer schwulen Community zu sein.

Im Zitat der Woche findet ihr Aussagen bekannter Personen in Bezug auf Homosexualität / neue Familienformen. Ob positiv oder negativ – sie sollen zum Nachdenken anregen und Diskussionen eröffnen.

Ganz ohne geht’s nicht

Ich arbeite in der Buchbranche und ein Blog über mein Leben ohne Bücher geht nicht! Deshalb gibt’s noch die Kategorie Literarisches, in der ich bemerkenswerte Bücher zum Thema homosexuelle Eltern / Regenbogenfamilien vorstelle.