Der richtige Zeitpunkt

Die Frage ob man seinem Bekannten- und Freundeskreis erzählt, dass der eigene Papa schwul ist, ist noch relativ leicht zu beantworten: Ja oder Nein. Entscheidet man sich für Ja, stellt sich die nächste und schwierigere Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt damit rauszurücken? Hat sich der Elternteil erst kürzlich geoutet, hat das Thema noch diesen „Neuigkeits-Wert“ und man kann es den guten Freunden einfach á la „Bei mir gibt’s was Neues…“ auftischen.

Bei mir liegt das nun allerdings schon etwas zurück und gerade deshalb tue ich mir oft schwer den richtigen Zeitpunkt zu wählen: Zeitpunkt nicht im Sinne von abends beim Essen oder lieber morgens beim Brunch, sondern in welchem „Stadium“ der Beziehung zu Freunden oder dem Partner ich es anspreche.
Generell bin ich sehr offen damit und es kann eigentlich jeder wissen – nur beim 1. Date sagt ja auch keiner: „Ach übrigens, meine Eltern sind zwar getrennt, aber heterosexuell“. Davon geht der Durchschnitt ja einfach aus und das kann man niemandem zum Vorwurf machen. Wieso sollte ich dann jemandem die Homosexualität meines Vaters gleich so dreist auf die Nase binden?

Festigt sich aber die Beziehung und hat man schon über alles gesprochen, nur nicht über das Coming out, wächst der Druck noch weiter. Vor allem kann es der Partner dann als Vertrauensbruch verstehen, weil er sich hintergangen fühlt und nicht versteht, wieso man nicht schon früher was gesagt hat.

Perfekt ist es also frühzeitig mit der Sprache rauszurücken, idealerweise wenn das Thema Homosexualität sowieso schon auf dem Tisch ist. So auch bei meiner Weihnachtsfeier im letzten Jahr: Ich war im zweiten Ausbildungsjahr, einige Kollegen, meine Chefin und ich saßen an einem Tisch und unterhielten uns über potentiell homosexuelle Kollegen (Ich wiederhole: Es war Weihnachtsfeier und da gehören kleine Lästereien dazu).
Bevor dann der Streit ausbrach, ob der Typ aus dem Marketing nun schwul sei, sagte ich einfach zwischen rein: „Ich kann das wohl am besten einschätzen: Mein Papa ist schwul“. Natürlich waren erst mal alle sprachlos und ein wenig irritiert, aber dann prasselten die Fragen auf mich ein: Wann hat er sich geoutet? Wie kam meine Mutter damit klar? War das ein Schock für mich? Wie lebt er jetzt? Hat er einen Freund? (Den Marketing-Kollegen interessierte niemanden mehr)

Es lohnte sich also in die Offensive zu gehen, denn mir schlugen keine Häme oder Beleidigungen entgegen, sondern Respekt und Anerkennung. Seitdem antworte ich auch auf der Arbeit auf die Frage, wieso denn mein Papa nach Halle umgezogen ist, mit: „Der Liebe wegen. Sein Freund wohnt da.“

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6 Gedanken zu „Der richtige Zeitpunkt

  1. Eigentlich ist es schade, dass man sich solche Gedanken darum machen muss. Das zeigt, dass die Gesellschaft nicht so weit ist, wie sie immer tut. Ich finde aber toll, dass du offensiv damit umgehst.

  2. Interessant ist die Frage auch für die schwulen Väter selbst. Wenn sie ihr Coming Out im engeren Familienkreis hinter sich haben, stellt sich die Frage: Weihe ich meine Kollegen ein und wenn ja, wann? Das Umfeld gibt einem geschiedenen/getrennten Mann ein paar Monate für die erneute Brautschau.Stellt sich bis dahin keine Frau ein, könnte es passieren, dass im Hintergrund Tuscheleien losgehen, was da wohl „nicht stimmt“ …

  3. Ja, solange man nicht selbst oder jemand im näheren Umfeld „betroffen“ ist, muss man sich ja auch keine Gedanken darum machen und kann sich erst einmal offen geben.
    Ich bin gespannt, ob es irgendwann den Zeitpunkt geben wird, dass man sich eben keine Gedanken mehr um das Coming out machen muss, sondern einfach so leben kann wie man ist.

  4. Mein Papa ist auch schwul. Allerdings weiß kaum jemand davon, nur die Familie und engsten Freunde wissen es seit ein paar Jahren. Er will’s auch nicht öffentlich machen. Kann ich zwar einerseits verstehen, aber blöd ist es trotzdem für mich. Genau deswegen nämlich fällt es mir nicht leicht, anderen davon zu erzählen, weil ich ständig im Hinterkopf habe, ihn beschützen zu müssen. Idiotisch eigentlich, aber ich kann da nicht anders.

    • Liebe Barbara, das mit dem Beschützen kann ich gut verstehen! Ist ihm denn bewusst, dass er dich damit auch beschränkt? Es ist doch schade, dass du deinen Freunden nicht die Wahrheit sagen kannst bzw. Dir ausreden einfallen lassen musst. Sprich doch ihm gegenüber das mal ganz offen an, vielleicht findet ihr dann eine Lösung. LG!

      • Naja, ich glaube, in der Hinsicht ist er leider ein wenig egoistisch (und vielleicht auch ein bisschen feige), weil er beruflich in der Öffentlichkeit steht und ich glaube auch ein bisschen Angst vor dem Getratsche der Leute hat… in ner größeren Stadt wär das glaub ich einfacher, da ist man nur einer von vielen, aber auf dem Land…
        Mit den Ausreden das ist blöd, das stimmt… viele vermuten bei meinen Eltern die „üblichen“ Trennungsgründe und für mich ist das nicht immer einfach, weil ich nicht sagen kann, wie es WIRKLICH war… weiß noch nicht, ob ich da mit ihm darüber reden kann, wir haben eh kein so inniges Verhältnis, wir reden zwar miteinander, haben uns aber nicht viel zu sagen. Hm, vielleicht sollte ich’s einfach mal probieren…

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