10 Jahre und die Erinnerung

„Die Erinnerung ist eine merkwürdige Sache. Sie aktiviert, erinnert, färbt, vergrößert und verkleinert Geschehnisse und Erlebnisse. Sie bringt Sachverhalte und Phantasien, Irrtümer und Missverständnisse zurück. Sie bewahrt Träume und Hoffnung und Peinlichkeiten und Demütigungen. Sie ist wie eine große Kammer, ein Aufbewahrungsort für benutzte und noch zu benutzende Gedanken und ebensolches Wissen. Sie ist Ansammlung von allem, was wir sind, und von ein wenig dessen, was wir zu sein hoffen.“

(aus: New York von Lily Brett)

Manchmal habe ich das Gefühl, die Erinnerung an die Trennung meiner Eltern verwischt, je öfter ich sie erzähle. In meinen Erzählungen wird die Geschichte immer gleicher, weil ich versuche mich auf die Kernsachen zu konzentrieren, vielleicht nicht zu viel Emotion reinzupacken, die mich wieder aufwühlen könnte. Eine Journalistin der Frankfurter Rundschau hat sogar geschrieben, ich würde meine Geschichte fast schon routiniert runtererzählen.

„… warum sind Angst und Furcht so leicht zu erinnern? Und ist Glück so schwer zu erinnern?“

fragt Lily Brett weiter.

Im Sommer sind nun zehn Jahre vergangen seit diesem angeblich perfekten Tag im Schwimmbad an dessen Abend mir meine Eltern sagten, dass sie sich trennen werden. Aber war er denn wirklich so schön? Wie lief das Gespräch genau ab? Hab ich mich wirklich wieder so schnell gefangen und zusammen gerauft, wie ich es immer erzähle?
Zehn Jahre sind eine lange Zeit, die auf der einen Seite quälend langsam und auf der anderen Seite rasend schnell vergangen ist. Die Details verschwimmen und vielleicht nehme ich manche Dinge heute so wahr, weil jemand erzählt hat, dass sie so waren. Oder aber weil ich gelernt habe, die Trennung, die Homosexualität meines Vaters und den Schmerz meiner Mutter zu begreifen. Damit rücken Schmerz, Trauer, Wut und all die traurigen Gefühle in den Hintergrund und ergeben doch irgendwie Sinn.

„Ich weiß, dass das Begreifen die Erinnerung verändert. Es verleiht ihr neue Schattierungen und Bedeutungen.“

(aus: New York von Lily Brett)

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2 Gedanken zu „10 Jahre und die Erinnerung

  1. Hallo Anna-Lena
    Ich habe deinen Blog in der Zeitung ,,Mädchen“ gefunden und habe ihn sofort Gelsen. Ich bewundere dich dafür das du die Trennung deiner Eltern und die Homosexualität deines Vaters so gut angenommen und zuteil überwunden hast. Ich finde es unglaublich wie du diesen Blog schreibst und ich bin jetzt schönsein großer Fan dieses Blogges

    Ein Rießen Kompliment

    LG
    Jule

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