Gastbeitrag für Onlinemagazin back view

Das Onlinemagazin back view widmet sich in diesem Monat dem Thema Homosexualität. Es werden Geschichten von den Hürden eines Outings, der Regenbogenszene in Österreich und den Folgen des Coming-Outs von Thomas Hitzlsperger erzählt.

Und auch ich habe einen kleinen Gastbeitrag über die positiven Dinge des Outings meines Papas geschrieben.

Viel Spaß beim Lesen und danke an Konrad Welzel für die Anfrage!

Das Gezanke um die Gleichstellung

Ich finde es traurig und schade, dass erst durch die Entscheidung Irlands für die Gleichstellung der Ehe von Lesben und Schwulen wieder in Deutschland über dieses Thema diskutiert wird.
Oder überhaupt diskutiert werden muss.

Ich will mich nicht durch Gesetzesentwürfe und Paragraphen wühlen, um herauszufinden, in welchen Punkten genau die „Eingetragene Partnerschaft“ der Ehe zwischen Mann und Frau nicht gleichgestellt ist. Und welche Punkte Heiko Maas nun ändern will.
Da bringt es die Kolumne von Carolin Emcke sehr gut auf den Punkt: Die Gleichstellung sei keine Reform, über die diskutiert werden muss. Es stehe nicht zur Debatte ob die Gleichstellung richtig oder falsch ist oder ob es Mehrheiten dafür gibt oder nicht. Sie sei rechtlich und normativ richtig, sondern „nur“ eine Korrektur eines alten Fehlers im Gesetz.

Papa und sein Freund sind nach der langen Fernbeziehung und Umzügen ein Stück weit „angekommen“ und nun seit fast 10 Jahren glücklich zusammen. Ich wünsche ihnen, dass diese Korrektur schnellstmöglich umgesetzt wird und sie dann die Möglichkeit haben, sich das Versprechen zueinander mit all den Rechten und Pflichten der Ehe geben zu können. Denn unterm Strich geht es doch nur um eines: ♥

Zur Unterschriftenaktion von campact

Religion und das Gefühl des Ankommens

Früher waren wir oft in der Kirche. Es war eine nette kleine Pfarrei, in der wir als Familie bekannt und engagiert waren. Mein Papa war damals zudem bei der katholischen Kirche angestellt, er war dort Referent in der Jugendarbeit. Ich selbst war einige Zeit Messdiener und oft bei seinen Veranstaltungen mit dabei. Ich habe die engagierten jungen Leute und Kollegen um meinen Papa immer bewundert. Sie und die kirchlichen Rituale haben mich geprägt.

Da war es für mich schon ein kleiner Schock, als mein Vater vor einiger Zeit verkündete, er sei aus der Kirche ausgetreten. Aus den naheliegenden Gründen, dass die katholische Kirche nicht gerade offen und tolerant gegenüber Homosexuellen ist. Dass er nicht mehr für eine solche Institution arbeiten und auch kein Teil mehr davon sein möchte, kann ich natürlich voll und ganz nachvollziehen.
Es war für mich trotzdem schwer zu verstehen, dass plötzlich die Ansichten und Werte, die ich als Kind über die Religion vermittelt bekommen habe, nicht mehr richtig sein sollten. Ich war enttäuscht und auch ein bisschen wütend. Bis ich verstanden habe, dass die Enttäuschung über die alten und verkrusteten Ansichten der Institution Kirche bei meinem Papa in seiner jetzigen Lebenslage einfach sehr schwer wiegen, er aber damit nicht weniger Vertrauen zu Gott hat und damit meine Erziehung nicht falsch war.

Trotzdem sehne ich mich nach einer gewissen Spiritualität und auch nach etwas Beständigem in meinem Leben. Der Glaube und der Gottesdienst ist so ziemlich die einzige Sache, die noch genauso ist wie in meiner Kindheit und die mich an sie erinnert.
Seit Ostern war ich deshalb wieder ein paar mal in der Kirche. Es ist eine moderne Gemeinde – der Ablauf, der Pfarrer, die Menschen dort und vor allem die Lieder tun mir gut und geben mir im Kleinen Halt. Im Großen gibt es natürlich viele Punkte, die mich an der Institution Kirche stören. Aber noch wiegen sie nicht schwerer als das Gefühl des „Ankommens“ in und nach einem Gottesdienst.

Dass ich das bin

Vergangene Woche hatte ich Geburtstag. Im Gegensatz zu letztem Jahr gab es keine Familienfeier, ich hatte nur eine kleine Feier bei mir zu Hause mit einigen Freunden geplant. Fast hätte ich gedacht, es wird der erste Geburtstag, an dem ich meine Eltern gar nicht sehe. Doch als ich nachmittags von der Arbeit nach Hause kam, stand plötzlich meine Mama vor der Tür und wollte mich überraschen! Auch wenn sie damit meine ganze Planung für den Tag über den Haufen warf, habe ich mich darüber unheimlich gefreut!

Mehr als einmal sagte sie mir an diesem Nachmittag, dass der Tag vor 23 Jahren, als ich geboren wurde, ein ganz besonderer gewesen wäre und sie sich an diesen Tag sehr gerne erinnere. Auch mein Papa schrieb sogar in seiner Geburtstagskarte, dass der Tag einer der schönsten seines Lebens gewesen war (und davon gebe es nicht viele).

Da wurde mir bewusst, dass dieser Tag wohl das Einzige ist, was meine Eltern noch miteinander verbindet. Dass ich das Einzige bin, was sie noch gemeinsam haben. Das hört sich trauriger an, als es ist. Und dennoch kann ich manchmal nicht glauben, dass tatsächlich nur noch ich das bin.
Dass ich das bin, die hier diesen Blog schreibt. Dass ich das bin, die in der NEON ihre Geschichte erzählt hat. Dass ich das bin, die um Rat von schwulen Vätern, betroffenen Kindern und Ehefrauen gefragt wird. Auch dass ich das bin, die damit manchmal überfordert ist und nur erzählen kann, wie es damals bei ihr abgelaufen ist.

Und ich hoffe, ihr könnt euch vorstellen, dass ich das bin, der ihr mit all euren Mails, Kommentaren und Gesprächen zeigt, dass das, was ich hier tue, wohl einen Sinn hat und dass auch ich mit dieser besonderen Situation nicht alleine bin!

Neon-Artikel

Ich habe noch immer zitternde Knie: Auf dem Weg zur Arbeit habe ich meinen/unseren Artikel im Neon-Magazin gelesen.

Anfang Januar kam eine freie Journalistin auf mich zu. Sie hatte von meinem Blog gehört und auch den Artikel in der BILD-Zeitung gelesen. Sie möchte gerne eine Reportage über eine Familie schreiben, in der sich ein Elternteil geoutet hat. Dazu würde sie gerne mich, aber auch meinen Vater und meine Mutter interviewen. Das Ganze soll im neon-Magazin erscheinen.
Ich war zunächst skeptisch: Unsere Familiengeschichte auf mehr als einer Doppelseite in einem so großen Magazin mit Fotos von uns. Nach mehreren Telefonaten mit der Journalistin und meinen Eltern entschieden wir uns dafür zuzusagen.
Nicola, die Journalistin, besuchte jeden von uns und jeder erzählte wohl unsere Geschichte ein klein wenig anders. So konnte sie ihre Reportage aus drei verschiedenen Blickwinkeln formen.
Es entstand ein 4-seitiger Artikel mit aktuellen Fotos und Kinderbildern. Die eigene Geschichte abgedruckt in einem Magazin zu lesen war komisch, aber so wie sie Nicola geschrieben hat, genau richtig.

Ein großes Dank also an Nicola Meier für ihr Einfühlungsvermögen und den schönen Schreibstil sowie an Ramon Haindl für die tollen Fotos und die Geduld!

Bleibt abzuwarten, ob, wer und wie reagiert…